So viel kann ich schon mal sagen: Das Konferenzjahr wurde mit dem Web Summit mehr als würdig beendet. Es war ein Web Summit der Superlativen. Zehnjähriges Jubiläum, wieder mehr Besucher (mittlerweile schon über 70.000) und 44% Teilnehmerinnen. Hinzu kommt, dass Lissabon als Standort werbewirksam bestätigt wurde und bis 2028 rund 110 Millionen Euro in die Erweiterung des Geländes investieren möchte. Wenn Cosgrave und sein Team es auch weiterhin schaffen, so viele interessante Gäste auf die Bühnen zu locken, bleibt es wahrscheinlich auch „the best technology conference on the planet“ (Forbes). Hier kommen meine persönlichen Highlights in Form eines Recap:

Talk that talk Vol. 1

  • F*ck the hype & bring your lawyer: Marcelo Pascoa (Head of Global Brand Marketing bei Burger King) präsentierte Anzeigen, die einzig darauf abzielten, sich über den Hauptkonkurrenten lustig zu machen. Finde ich per se schon mal super. Burger King hatte nämlich Fotos von den Hinterhöfen der McDonalds-Führungsriege aufgetrieben und auf denen sind sehr deutlich Grills zu sehen…
  • Sex Toys Talk: Polly Rodriguez (CEO & Co-Founder bei unboundbabes), Alexandra Fine (CEO & Co-founder bei Dame Products) und Stephanie Alys (Co-founder & Chief Pleasure Officer bei Mystery Vibe) sorgten mit ihrer offenen und nonchalanten Art für eine willkommene Abwechslung. Endlich mal Produkte, die auf der Bühne präsentiert werden konnten, und dazu sehr unterhaltsame Insights zum Thema „Wie erkläre ich meiner Mutter, dass ich ein Sex Toys-Startup gründen will?“
  • Tinder Überraschung: Sean Rad (Founder & Chairman bei Tinder) wirkte im Gespräch mit CNN’s very own Laurie Segall sehr reflektiert und gleichzeitig kampfeslustig. Immerhin befindet er sich inmitten eines milliardenschweren Rechtsstreits mit IAC. Interessant wurde es immer dann, wenn er ein wenig über sein Innenleben preisgab: „The moment you were told you’re no longer the CEO of this company – how did you feel?“ „It was hard, of course!“ Glaube ich sofort. Eine Zukunftsprognose zur Technologie im Datingbereich gab er auch: „What’s the future of dating?“ „It’s gonna look nothing like now. Siri could become a matchmaker one day.“ Glaube ich wiederum nicht.

 

Startup Basar

Es gibt kaum etwas inspirierenderes als neue (und manchmal auch nicht ganz so neue) Ideen, die direkt von ihren Schöpfern präsentiert werden. Auf dem Web Summit gab es dafür ausreichend Platz: zahlreiche Pitch-Bühnen sowie einen Startup-Bereich in jedem Pavillon. Das Besondere hier ist das Rotationsprinzip, wodurch man jeden Tag neue Gesichter und Produkte präsentiert bekommt. Dadurch muss jedes Startup an einem Tag das Maximum rausholen – oder aber nur das Schild aufhängen und wieder gehen. Geht auch. Diese drei Startups fand ich besonders interessant:

  • Wetime ist ein Social Network aus Belgien mit Fokus auf Paare und besonders auch Eltern, die wieder soziale Kontakte knüpfen wollen. Wer Kinder hat, weiß, dass man da manchmal etwas zurückstecken muss. Durch Aktivitäten kann man In-App-Credits verdienen und sich dabei einen (neuen) Freundeskreis in der Nachbarschaft aufbauen. Wer mehr über das belgische Startup-Ökosystem erfahren möchte, sollte mal hiernachschauen.
  • Vocoly ist eine App zur Erstellung von Videos. Klingt erst mal unspektakulär, aber der Clou kommt beim Teilen und Versenden. Man kann nämlich einstellen, wann das sogenannte Voco zugestellt wird. Ein Beispiel: Eltern können für ihr Kind Videonachrichten aufnehmen, welche dieses erst mit 18 erhält. Oder man schickt sich einfach selber etwas („Hey du bzw. ich, es ist 2018 und es gibt immer noch kein flächendeckend schnelles Netz. Gibt’s das jetzt? Ach so und ich hoffe du bzw. ich hast dein Geld nicht in Supreme investiert, sondern in irgendwas Sinnvolles!“) Ich musste jedenfalls sofort an diverse Filme denken, die ebenfalls mit dieser Idee spielen. Ein gutes Zeichen!
  • Wiidii ist ein nicht mehr ganz so junges AI-Startup aus Frankreich mit einem spannenden Ansatz. Zitat: „We started from the premise that to better understand the needs of humans being (our users), we needed to approach human psychology in a holistic way. This is why, in addition to our technical, linguistic and professional teams, we have set up a Committee of Wise Men composed of neuroscientists, psychologists, doctors, cognitive researchers, historians, sociologists and philosophers.“ Die Produkte, ein Assistent und ein Berater, die sich auch kombinieren lassen, sollen möglichst menschenähnlich sein. Wiidii bezeichnet es selber als Hybride. Alles ein bisschen gruselig, aber auch schön.

 

Who run the world?

First things first: Die Anti-harassment policy, adaptiert von Geek Feminism, ist absolut richtig und wichtig. Haben deutsche Tech-Events so etwas auch? Falls nicht, sollte das dringend nachgeholt werden. Ansonsten habe ich mich natürlich auch sehr über die Nachricht gefreut, dass mittlerweile fast die Hälfte der Besucher weiblich ist. Wie sieht es in den Firmen selber aus? Booking.com hat in Kooperation mit dem Web Summit eine große Tafel aufgestellt und Klebepunkte verteilt. Das hätte man auch digital über die App lösen können, aber ich würde behaupten, dass genau wegen dieser analogen Herangehensweise so viele BesucherInnen abgestimmt haben. Das interessante Ergebnis könnt ihr hier sehen. Nicht vergessen sollte man übrigens auch die nächste Generation. Wobei es auch hier unterschiedliche Ansichten gibt: Ev Williams erzählte ganz begeistert von jugendlichen BesucherInnen mit tollen Ideen. Andere sind da mindestens skeptisch.

 

Talk that talk Vol. 2

  • TURN UP: MusicNotes war meine Lieblingsbühne. Interessante SpeakerInnen wie Heather Parry (Chief Content Officer bei Live Nation), Christopher Leacock (Produzent bei Major Lazer) und Rishi Malhotra (Co-Founder & CEO bei Saavn) präsentierten ihre Insights und Meinungen zum aktuellen Geschehen und der Zukunft des Musikgeschäfts. Rishi Malhotra machte es besonders gut, weil er tatsächlich auch mal Musik abspielte und nicht nur darüber sprach. Dadurch habe ich das erste Mal überhaupt von seinem Artist Anik Khan und dessen Hit „Big Fax“ gehört: „Damn it feels good to be an immigrant..“ Starkes Statement!
  • Es darf gelacht werden: David Nihill ist ein lustiger Typ. Während seines kurzweiligen Auftritts im Rahmen der Startup University persiflierte er u.a. diese typischen Web Summit Pitch-Situationen, bei denen Gründer sich quasi erst mal beim Publikum dafür entschuldigen, dass sie jetzt gleich etwas präsentieren. So geht das natürlich nicht, meine lieben Freunde. Nihill hat es aber so anschaulich und charmant gemacht, dass sich wahrscheinlich einige im Publikum wiedererkannt haben.
  • War Games: Der Auftritt von Oculus Rift-Erfinder Palmer Luckey auf der Centre Stage war gelinde gesagt kontrovers. Wie er da nur wenige Wochen nach seinem 26. Geburtstag in Hawaiihemd und Cargoshorts fröhlich über technische Neuerungen in der Kriegsführung sowie die moralische Überlegenheit des Westens plaudert, hat mich doch sehr irritiert. Selbstverständlich interessiert das neue Aufgabenfeld auch Peter Thiel. Beide unterstützen Trump, das passt. Die Frage, ob es auch Regierungsaufträge gäbe, die er ablehnen würde, verneinte er. Es klang so als könne er das gar nicht, wobei Google beim Project Maven genau das getan hat. Da lobe ich mir doch Ev Williams (CEO bei Medium) mit seinem Statement „I’m wrong a lot“ und den portugiesischen Präsidenten Marcelo Rebelo de Sousa, der sich in einem flammenden Appell dafür aussprach, dass man niemanden zurücklassen dürfe. Luckey hat seine Aussagen auch noch mal in einem Twitter-Thread wiederholt und bei CNET gibt es eine gute Zusammenfassung.

 

LX Factory

Lissabon macht es einem nicht gerade leicht, wenn man versuchen will, die Stadt zu begreifen. Am besten ist es mir wahrscheinlich während unserer abendlichen Tour durch das LX Factory-Areal gelungen: sehr internationales Publikum (nicht nur aufgrund des Web Summits), wunderschöne Läden, tolles Essen, alles ein bisschen bunt und durcheinander, viele Ideen. Alles ist verdichtet und an jeder Ecke erlebt man neue, inspirierende Momente. Ein sehr gutes Beispiel ist der Buchladen Ler Devagar. Wobei Buchladen trifft es gar nicht richtig. Es ist vielmehr ein Tempel der Bibliophilie, der nach Tagen des digitalen Overloads eine sehr willkommene Abwechslung bietet. Ich habe mir Web 3D von Stuart Dredge gekauft (sozusagen als Kompromiss) denn bei Ler Devagar findet man auch ältere und teils antiquarische Werke. Wer genug Zeit mitbringt, kann sich mit Kaffee und Buch vor die alte Druckermaschine setzen und abtauchen. Spannend ist auch der Kontrast zwischen Kommerz und Kapitalismuskritik in Form von Streetart. Bleibt zu hoffen, dass dieser Spagat noch lange gelingt.

 

„You need to wear your wristband on the left side!“

Ich war schon auf einigen Messen, Festivals und Kongressen, aber noch nie habe ich so eine hohe Dichte an Sicherheits- und Servicepersonal erlebt. Gepäcküberprüfungen wie am Flughafen, Abtasten und Identitätschecks – heutzutage alles schon fast selbstverständlich bei großen Events. Aber, und das hat wirklich jedes Mal einen merkwürdigen Eindruck hinterlassen, wenn man alle zwanzig Meter sein Badge zeigen muss, ist man nur noch genervt. Stellenweise wirkten die Kontrollen völlig willkürlich und dann wird es schnell bevormundend. Beispielsweise musste das Bändchen unbedingt ans linke Handgelenk und das Badge durfte zu keinem Zeitpunk verdeckt sein. Die App des Web Summits macht zumindest vieles richtig: alle TeilnehmerInnen sind darin auffindbar und können kontaktiert werden, man kann sich aus dem Programm recht einfach ein eigenes Schedule bauen und mit Meetings ergänzen. Leider gab es ab und zu Abstürze, vor allem beim Chat, so dass das ein oder andere spontane Meeting verschoben werden musste.

 

Mixed

  • Manchmal sind es die kleinen Details, die den Unterschied machen: Wasserspender, Kaffeestationen und überall Anregungen zum Dialog. Hier wurden (manchmal gute und manchmal sogar sehr gute) Fragen gestellt, so dass man das Gefühl bekam, Teil einer größeren Konversation zu sein.
  • Vier Tipps (s/o an Anna) für Dinner-Meetings: Solar Dos Presuntos (wenn man Meeresfrüchte mag und ein bisschen Zeit mitbringt, damit einem die Kellner in Ruhe jedes der geschätzt eintausend Fotos mit prominenten Gästen im Restaurant erklären), Palácio Chiado, Chapitô à Mesa & Rio Maravilha. Falls es nur mal ein Cocktail bei traumhafter Aussicht sein soll, kann ich die Topo Bar empfehlen.
  • Die Tejo-Mündung zwischen Kongressgelände und Edifício Nau eignet sich hervorragend zum Joggen. So etwas wollte ich schon immer mal schreiben und da mich Eric netterweise zum Laufen überredet hat, kann ich es jetzt auch. Danke!
  • Tipp: Hier findet ihr meine Recaps zu den Cannes Lions, zum OMR Festival & zur DMEXCO
  • Off-Topic 1: Wenn du bei der Google Play App-Wahl 2018 für LOVOO abstimmen würdest, würde ich mich sehr freuen!
  • Off-Topic 2: Unser Geschäftsführer Florian war war zu Gast im Analog First, Digital Second Podcast von SAR Business Solutions – kannst du dir hier anhören. Lohnt sich!